Erzgeb.-vogtl. Kurbelstickerei

Kurbelstickmaschine02

Nachdem wir die Anfänge der Kurbelstickmaschine beschrieben haben, möchten wir uns nun ihrer Verbreitung im Erzgebirge und Vogtland am Ende des 19. Jahrhunderts widmen.

Das Tambourieren entwickelte sich ab 1780 zu einem bedeutenden Industriezweig im westlichen Erzgebirge. Die aufwändigen Kettenstich-Stickereien aus der Region Eibenstock waren bei Verlegern gefragt. Dass eine neue Kettenstich-Maschine das Tambourieren mit Hand alsbald ablösen sollte, schien wenig wahrscheinlich.
Als 1868 die erste Kettenstich-Maschine mit einer Kurbelsteuerung (Kurbelstickmaschine) in Plauen vorgestellt wurde, war die Neugier bei vielen Stickern groß. Das Interesse am Kauf der Maschine dagegen äußerst gering. Zwar erzeugte sie einen tadellosen Kettenstich, doch das hatte seinen Preis. Die Maschine der französischen Firma Cornely kostete damals 560 Mark (ca. 3.800 €), viel zu viel für das Budget der Heimarbeiter.

Ein Anderer sollte das Potential der Kurbelstickmaschine für die heimische Hausindustrie erschließen: Ludwig Gläss, ein Nähmaschinenhändler aus Eibenstock. Er kaufte um 1870 mehrere Cornely-Maschinen und bot diese zu günstigen Bedingungen mit kostenloser Schulung an. Bereits 1873 konnte Gläss, neben seinem Hauptgeschäft in Eibenstock, Filialen in Plauen und Schwarzenberg betreiben, wo er neben Nähmaschinen auch Kurbelstickmaschinen anbot. Trotz anfänglich großer Skepsis nahm das Tambourieren mit der Maschine in den 1870er Jahren im Erzgebirge und Vogtland Fahrt auf.

Was zuvor mit der Hand tambouriert wurde – Damenkleider, Gardinen, Schutzdecken (sogenannte Antimakassare), aber auch Tücher für den Export nach Spanien, Tischdecken und Taschentücher für Hamburger Handelshäuser usw. – übernahm nach und nach die Cornely-Maschine. Auch in Chemnitz und Limbach wurden nun Cornely-Maschinen zum Verzieren von Handschuhen und Strümpfen eingesetzt.

Das wachsende Interesse an Cornely-Maschinen hatte zur Folge, dass in Deutschland mehrere Kurbelstickmaschinen-Fabriken entstanden. So wurden in Berlin 1873 Schirmer, Blau & Co. und 1877 Lintz & Eckhardt gegründet – die bekanntesten deutschen Hersteller. Auch die Maschinenfabrik Kappel in Chemnitz, die Firma G. Stein in Berlin u.a. entwickelten eigene Kurbelstickmaschinen, die jedoch weniger erfolgreich waren.
Der Wettbewerb der Maschinenbauer trieb die technische Entwicklung in den 1880er und 90er Jahren voran. Es entstanden feinmechanische Meisterwerke, die mit verschiedenen Zusatzeinrichtungen ungewöhnliche Zierstiche ermöglichten. Neben Ketten- und Moosstich konnten nun auch Litzen und Schnüre (Soutache) aufgenäht werden. Es gab mehrnadlige Maschinen für nebeneinanderliegende Sticknähte oder Zweifaden-Kurbelmaschinen für schnurähnliche Verzierungen. Auch Perlen- und Paillettenstickereien waren mit diesen Maschinen möglich.

Vor allem die Modegeschäfte im In- und Ausland, aber auch Militär, Polizei und Feuerwehr oder die zahlreichen Vereine mit ihren Uniformen, Fahnen und Abzeichen waren dankbare Abnehmer von Kurbelstickereien.
Bereits 1889 waren in Deutschland über 24.000 Kurbelstickmaschinen im Einsatz. Sachsens vielfältige Textilindustrie war der größte Abnehmer von Kurbelmaschinen, hier liefen damals ca. 6.000 Maschinen. Die meisten dieser Maschinen ratterten in den Stuben der Heimarbeiter, verstreut über die Dörfer von Erzgebirge und Vogtland.

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