Die vogtländische Tamburiermaschine

Kurbelstickerei

Im 19. Jhd. gab es viele Tüftler, die mit bescheidenen Mitteln geniale technische Lösungen hervorbrachten. Einer von ihnen war der Plauener Gottfried Leonhard Hadam. Er wurde um 1813 in Plauen geboren und erlernte den Beruf eines Uhrmachers. In den 1850er Jahren befand sich seine Werkstatt am Schulberg, als er in den 1860er Jahren seine Werkstatt vergrößerte, zog er in die Gartenstraße.

Mit der aufkommenden Mechanisierung wurde Gottfried Leonhard Hadam auch mit den technischen Problemen im vogtländischen Textilgewerbe konfrontiert. Sein besonders Interesse galt dabei dem Bau einer handgeführten Kettenstichmaschine. Die im Westerzgebirge und Vogtland weit verbreitete Kettenstich-Stickerei, das Tamburieren, war um 1860 noch Handarbeit. Hierfür eine Maschine zu entwickeln, mit der auch größere Flächen bemustert werden konnten, war ein Herausforderung. Hadam hielt dies für eine lösbare Aufgabe.

Auch Erfinder in Süddeutschland und der Schweiz tüftelten damals an einer Tamburiermaschine. So beauftragte 1864 ein Schweizer Weißwarenfabrikant den Maschinenbauer Johann Michael Schatz (1814-1866) aus Weingarten bei Ravensburg mit dem Bau einer Tamburiermaschine. Dies gelang und seine Maschine “Schatz I” wurde 1866 zum Patent angemeldet. Über den Plauener Weißwarenhändler G. F. Schmidt erhielt auch der Maschinenbauer Moritz Albert Voigt (1829-1895) aus Kappel (Chemnitz) das Recht zum Nachbau und Vertrieb der Schatz‘schen Maschine (1). Die von Voigt verbesserte Tamburiermaschine wurde unter der Bezeichnung „System Voigt“ ab 1867 auch im Vogtland verkauft.

Der Plauener Mechaniker Gottfried Leonhard Hadam entwickelte und baute seine Maschine ebenfalls um 1865. Sie gilt als erste vogtländische Tamburiermaschine. Ob Hadam von der Schatz‘schen Maschine Kenntnis hatte, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich wäre die Hadam‘sche Maschine längst in Vergessenheit geraten. Jedoch konnte der Plauener Mechaniker einige seiner Maschinen an Stickereigeschäfte u.a. in Auerbach und Lengenfeld verkaufen. So blieb das „System Hadam“ im Bewusstsein der Zeitgenossen und in den Berichten der Handelskammer lebendig.

Ab 1867 konkurrierten im Vogtland zwei Systeme um die Gunst der Kunden: Das „System Voigt“ von Moritz Albert Voigt aus Kappel (Chemnitz) und das „System Hadam“ von Gottfried Leonhard Hadam aus Plauen. Ende 1868 dürften an die 20 Maschinen beider Systeme verwendet worden sein. Sie arbeiteten u.a. in Auerbach, Lengenfeld, und Falkenstein (2).

Noch waren diese frühen Maschinen kompliziert und störanfällig. Auch die Meinung der Zeitgenossen zu den Tamburiermaschinen ging weit auseinander, sie reichte von „hat sich bewährt“ bis zu „zweifelhafter Nutzen“. Derartige Maschinen waren im deutschen Stickereigewerbe damals noch Exoten. Gerade die Plauener Fabrikanten hielten sie für unrentabel und setzten lieber auf die Fingerfertigkeit ihrer zahllosen Fabrik- und Heimarbeiterinnen. Doch dass sollte sich gerade in der Kettenstich-Stickerei bald ändern. Mit der Erfindung der Kurbelstickmaschine durch Antoine Bonnaz und deren geschickte Vermarktung durch Emil Cornely stand ab 1870 auch im Vogtland eine kleine, leistungsfähige Tamburiermaschine zur Verfügung. Diese Maschine trug zur weiteren Verbreitung der Kurbelstickerei im Vogtland bei (Titelbild: private Kurbelstickerei der Heimarbeiterin Martha Fries, um 1900).

Gottfried Leonhard Hadam blieb seiner Tamburiermaschine treu und versuchte sich in späteren Jahren selbst als Tamburierer. Er starb um 1885 in Plauen. Doch das Konstrukteurs-Gen lag bei den Hadams wohl in der Familie, sein Sohn Friedrich Joseph Hadam (1848-1900) sollte später noch eine für das vogtländische Stickereigewerbe bedeutendere Erfindung machen – die Einfädelmaschine.

Literatur:
(1) Anne Wanner: http://www.annatextiles.ch/publications/kettenstich/ketten.htm
(2) Alfred Gentzsch: Die sächsische Tamburgardinenstickerei, Dissertation, 1910

Für die Anregung zu diesem Beitrag danken wir unserem Vereinsfreund Dr. Heino Strobel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.