besondere Exponate

Eine Stickmaschinen-Story

Schiffchenstickmaschine

Einst war sie das „Arbeitspferd“ der vogtländischen Stickerei- und Spitzenindustrie: die Schiffchenstickmaschine mit Mustersteuerung durch einen Pantograf. Allein 1911 gab es im Vogtland an die 9.700 dieser Maschinen, das waren 63% aller Großstickmaschinen. Heute gilt dieser Maschinentyp – bis auf wenige Museumsexemplare – als ausgestorben.

Eine dieser frühen Schiffchenstickmaschinen befindet sich in der Schaustickerei und wird hier noch regelmäßig vorgeführt. Ursprünglich stammt die Maschine aus einer kleinen Stickerei in Pausa, die 1991 aufgelöst wurde. Nach der Demontage der 5 t schweren Maschine wurde sie von unserem Verein gesichert und eingelagert. Als die organisatorischen und baulichen Voraussetzungen in der Schaustickerei geschaffen waren, konnte die Maschine 1998 aufgestellt und in ihrer Funktionstüchtigkeit wieder hergestellt werden.
Manche dieser alten Stickmaschinen können ganz eigene Geschichten ihrer Besitzer erzählen – von Hoffnung und Glück, oft aber auch von Mühen und Enttäuschungen. Es war deshalb interessant, die Herkunft unserer Maschine zu ergründen.

Die Pantografen-Schiffchenmaschine mit der Maschinennummer 12566 war etwa 1909 in der Maschinenfabrik Kappel AG, Chemnitz, gebaut worden. Wahrscheinlich 1910 wurde sie von der Stickerei A. Rudolph in Pausa erworben. Die Stickerei selbst war 1899 von Albin Rudolph in der Zeulenrodaer Str. 38 gegründet worden. Wie viele Stickereien in Vogtland war sie eine typische Lohnstickerei, die u.a. für die Firmen Mutschmann & Eisentraut, später C. R. Wittmann, und Emil Reußner stickte. Als der Firmengründer Albin Rudolph 1916 im 1. Weltkrieg fiel, mussten seine Frau Rosa gemeinsam mit ihren fünf Kindern die Stickerei allein weiter betreiben. Vor allem der älteste Sohn Walter war gefordert, schon in jungen Jahren die Rolle des Vaters im Betrieb zu übernehmen. Er lernte Sticker und Maschinenschlosser und führte später die Stickerei unter dem Namen „Walter Rudolph – Spitzen und Stickereien“ weiter.

Gerade die Kappel-Schiffchenmaschine wurde von Walter Rudolph oft als Mustermaschine genutzt. Mit einem Plauener Musterzeichner entwickelte er darauf eine eigene kleine Kollektion für Damenunterwäsche, die er selbst in Limbach-Oberfrohna, Apolda und Plauen vermarktete. Nach dem 2. Weltkrieg konnte die Firma Walter Rudolph weiter wachsen. Ein neuer VOMAG-Automat und die große Nachfrage nach Luftspitze, vor allem Spitzendecken, machte dies möglich. Im Zuge des zunehmenden Drucks der DDR-Regierung zur Verstaatlichung kleiner Privatbetriebe ging Walter Rudolph 1965 eine Verkaufs- und Exportgemeinschaft mit dem VEB Spitze-Bekleidung-Pausa ein. Nach Abschluss der Verstaatlichungsmaßnahmen 1973 war die Stickerei W. Rudolph als kleinste Betriebsstätte in den VEB Spitze-Bekleidung Pausa eingegliedert worden. Auch unter den neuen Bedingungen blieb Walter Rudolph der Stickerei und seinem Betrieb treu.
Erst im Jahr 1989, im Alter von 88 Jahren, gab Walter Rudolph das Stickereigewerbe endgültig auf. Er starb bereits im darauffolgenden Jahr. Nur das alte Betriebsgebäude in der Zeulenrodaer Str. 38 und die Pantografen-Schiffchenstickmaschine in der Schaustickerei erinnern heute noch an die kleine Pausaer Stickerei von Walter Rudolph.

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